Sternenhimmel

Leseproben

Aus jedem der drei Bücher eine Stelle, die für sich steht. Kein Klappentext — der Text selbst.


Mitwachsen

Aus dem Vorwort. Ein Brief, datiert auf den 2. August 2046, geschrieben an den Sommer 2026.

Gestern kam Post von der Gemeindeverwaltung. Mein virtueller Ausweis ist abgelaufen; zur Verlängerung möge ich mich per Chat mit der Amts-KI verbinden.

Zugestellt hat mir das eine Drohne. Auf Papier.

Ich habe eine Weile mit dem Blatt am Fenster gestanden und der Drohne nachgesehen. Sie kann senkrecht starten, weicht Vögeln aus und findet den Balkon im dritten Stock. Sie hat mir einen Brief gebracht.

Der Chat war dann tadellos. Die Amts-KI ist freundlich, sachkundig und rund um die Uhr erreichbar. Sie hat mich gesiezt und mir alles erklärt. Nach vier Minuten hat sie mich gebeten, meine Identität mit dem virtuellen Ausweis zu bestätigen. Mit dem abgelaufenen. Ich habe darauf hingewiesen. Sie hat sich entschuldigt, in einwandfreiem Deutsch, und mir einen Präsenztermin angeboten. Der nächste freie liegt im März.

Nichts davon ist Böswilligkeit, und niemand dort ist faul. Es ist die genaue Form dessen, wovon dieses Buch handelt. Das Werkzeug ist da. Die Übung dazu hat nie jemand erfunden.

Die Drohne ist von 2046. Der Vorgang ist von 1965. Dazwischen liegt keine Entscheidung, sondern eine Beschaffung.


Die neue Gesellschaft

Aus Kapitel 1, „Können wir ohne Arbeit sein?“

Der Kurs beginnt dienstags um sieben, und die Manager sind immer zu früh da.

Sie sitzen dann schon im Halbkreis, die Hände im Schoß, und warten, dass etwas anfängt. Das ist Teil des Problems. Hanna Wilms, dreiundachtzig, lässt sie warten. Auf dem Kursplan des Viertels steht ihr Fach zwischen „Bootsbau“ und „Griechisch für Anfänger“, und es heißt schlicht: „Grundlagen“.

Heute übt sie mit ihnen den Nachmittag. Nicht den freien Nachmittag, das wäre zu leicht, sondern den zugewandten: Man besucht einen Menschen, der einen braucht, und bleibt, bis es genug ist. Nicht bis der Kalender es sagt. Bis es genug ist. Der ehemalige Bereichsleiter in der zweiten Reihe fragt, woran man das denn erkenne. Hanna Wilms sieht ihn lange an. Man merkt ihr an, dass sie diese Frage für die eigentliche Bildungslücke ihres Jahrhunderts hält.

Nach dem Kurs bleibt einer zurück, ein höflicher Mensch, der früher Lieferketten optimiert hat. Er fragt, ob sie das alles damals eigentlich gern gemacht habe. Das Pflegen, das Erziehen, das Halten, vierzig Jahre lang, unbezahlt.

„Fragt ihr jetzt?“, sagt sie. „Damals hat keiner gefragt.“


Hallo? Ist da wer?

Aus Kapitel 1, „Das erste Telefonat mit der Zukunft“. Die kursiven Stellen sind das Selbstgespräch — rauer als der Erzähltext.

Ich hielt das Handy wie ein Reporter das Mikrofon und war ganz sicher, dass ich deutlich rede. Was ankam, war Reisebüro mit Schluckauf: halb Englisch, halb Deutsch, ganz ratlos.

Change to German, tippe ich — halb an die Maschine, halb an mich selbst. Und dann, ganz leise, dieses Hello?, als klopfte ich an eine Tür, hinter der vielleicht niemand ist.

Interessant, dass ich der Technik die Schuld gab. Sie verstand mich nicht — also war sie kaputt. Dass der einzige Mensch im Raum, der hätte deutlicher werden können, ich selbst war, kam mir an diesem Abend mit keiner Silbe in den Sinn.

Weil ich in meinem Übermut sofort das ganz große Rad drehen wollte, verlangte ich etwas, das kein Werkzeug der Welt aus dem Stand kann. Die Antwort kam ohne „Nein“ und ohne Fehlermeldung: Das kann ich so nicht — aber sag mir, was du vorhast, dann finden wir einen Weg. Die Antwort machte meine Bitte kleiner, und genau das war klüger als die Bitte selbst.

Ich erwartete allen Ernstes, dass eine Software über Nacht mein Leben ordnet — ich, der ich meinen eigenen Posteingang seit 2019 nicht mehr von unten gesehen habe. Vielleicht, aber nur vielleicht, lag das Problem an diesem Abend nicht ausschließlich bei der künstlichen Intelligenz.


Wenn eines davon erscheint

Eine Nachricht, wenn ein Buch erscheint, und gelegentlich eine längere Leseprobe.

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